Laurins Gürtel

Die Sage

Gotenkönig Theoderich der Große, bekannt auch als Dietrich von Bern, bekam einst die Kunde von Laurin: Einem König der Zwerge der mithilfe seines Zaubergürtels viel Unheil und Unfriede ins Land brachte. So entführte der Zwerg viel Menschenvolk in seine Höhle, auch Kühnhild, die Schwester Dietleibs, eines Waffengefährten Dietrichs. Dietrich von Bern, Vatererbe von Dietmar, erzogen im Geiste seines Vaters, mit der Kampferfahrung von Hildebrand dem Waffenmeister und nie verlegen wenn es darum ging Menschen in der Not zu helfen, rief seine Gefolgsleute auf zum Kampf gegen Laurin.

So zogen sie los und fanden alsbald Laurins Rosengarten, welcher statt einer Mauer von einem seidenen Faden umschlossen wurde. Eine goldene Pforte gebot ihnen Einlass. Hildebrand, der alte Waffenmeister, warnte Dietrich. Doch Wittich, ein wilder Gefährte, drang voller Hochmut ein und schwang in zerstörerischer Wut sein Schwert. Nur mit Mühe konnte Dietrich ihn zur Besinnung bringen und sah bedauernd den zerstörten Rosengarten. In wildem Zorn stürmte Zwergenkönig Laurin mit Speer und Schwert gewappnet heran und Wittich hätte sich des Zwerges nicht erwehren können, wenn nicht Dietrich ihm zu Hilfe geeilt wäre.

Laurin jedoch im Besitz des Zaubergürtels, der ihm die Kraft von zwölf Männern verlieh, setzte Dietrich arg zu. Ein wilder Kampf entbrannte und ihre Schwerter zogen sprühende Funken. Nur mit Hildebrands Ratschlägen gelang es Dietrich schließlich, den Zwerg zu bezwingen.

Dietrich von Bern und König Laurin, mit seinem sagenhaften Rosengarten, verschwanden irgendwann im Laufe der Jahrhunderte.

Es blieb einzig - die Legende.

Die Höhle

...Miriams Mund entwich ein grauenvoller Schrei und selbst Tom verlor seine Fassung und seine drohende Haltung. Das, was sie zu Gesicht bekamen, war ein grauenvolles Kuriosum.

An den Wänden und selbst am Boden ragten menschliche Körperteile wie kunstvolle Reliefs hervor, die teilweise mumifiziert oder mit der kristallinen Struktur verwachsen den Weg säumten. Zerschmetterte Torso, Hände und Füße sowie deformierte Schädel ragten aus der schimmernden Kristallflora. Die Menschen schienen in ihrer Bewegung erstarrt und von etwas auseinandergerissen worden zu sein. Ihre seltsam verrenkten Körper waren in Uniformen der Gebirgsjäger gehüllt, manche abgerissene Hand hielt noch eine Waffe. Einige hatte es so auseinander getrieben, dass man ihre ehemals pochenden Herzen und den Inhalt ihrer Mägen sehen konnte, die jetzt an kristallisierten Skelettteilen klebten, wobei die Rippen wie Engelsflügel nach außen standen.

Miriam wandt sich ab und musste sich übergeben. Selbst Tom war es nicht ganz einerlei, was er da sah. Mit blassem Gesicht schritt er die Front der Gemarterten ab. Diese Leute, vielmehr ihre Überreste gehörten der Armeeeinheit an, die hier die Höhle sichern sollte. Etwas Grausames muss sich ereignet haben. Von seinem ersten Schrecken erholt trat Tom näher, um sich einen der toten Schädel genauer anzusehen. Die toten glasigen Augen waren wie Glasmurmeln in die Augenhöhle zurückgerutscht. Pergamentartig umspannte die Haut den Schädelknochen und verschmolz im Nacken mit der Wand. Es sah aus, als wolle der Schädel in die Kristallader hineinwachsen.

Seitlich hatte ein Geschoss, wahrscheinlich aus der Waffe eines seiner Kameraden, den Schädel durchstoßen und wollte gerade auf der anderen Seite wieder heraustreten. In diesem Moment, da die Spitze des Geschosses seinen Weg aus dem Schädel nahm und die Knochenwand barst, um der Hirnmasse den Weg nach Außen zu ebnen, hatte ETWAS die Zeit angehalten und das Fleisch erstarrte zu kristallinen Formen.

Angewidert sah Tom weg. Er sah in Miriams Augen, die voller Angst waren. Er schaute Theo ins Gesicht und sah auch darin nur Fragen. Die Gedanken drehten sich weiter in seinem Kopf und selbst die Wände um ihn schienen sich zu drehen. Nie gekannte Panik erfasste Tom. Nur weg von hier, war sein Gedanke. Das, was diesen Leuten passiert war, sollte ihn nicht auch noch treffen. Er fasste die Waffe wieder fester und floh in den Tunnel hinein.

»Nicht dahin!«, rief Theo. »Du läufst in dein Verderben!«

»Woher wissen Sie das?«, Miriam sah ihn fragend an.

»Dazu ist jetzt keine Zeit mehr«, antwortete Theo. »Wir müssen ihn aufhalten.«

So schnell sie konnten folgten sie ihm und gelangten am Ende des Tunnels in eine weitere, kleinere Höhle. Unzählige spiegelartige Flächen in den verschiedensten Formen und Größen bedeckten den fast kreisrunden Raum. Sie reflektierten ein rotes Licht, das von der Mitte her erstrahlte. Dort strebte eine Lichtsäule zu einem nicht mehr sichtbaren Himmel. In ihrem Innern wanderten unentwegt faustgroße rubinfarbene Steine auf und ab. Fast schwerelos schwebten sie, wie von Geisterhand geführt und schickten ihr märchenhaft schönes Leuchten in die Höhle.

Tom wankte wie betrunken auf die Lichtsäule zu. Mit ausgebreiteten Armen begann er sie, wie von Sinnen, zu umtanzen. Sein Gesicht war von gierigem Wahnsinn gezeichnet, während rote Lichter darin aufflammten.

»Alles meins!« rief er. »Der Schatz gehört mir, ich habe ihn zuerst gefunden.« Sein Tanz um die Säule wurde immer wilder und sein verrücktes Lachen hallte in der Höhle wider.

»Er ist wahnsinnig geworden«, flüsterte Miriam Theo ängstlich zu.

»Ja das ist er«, antwortete er trocken. »Er hat zu lange in das rote Licht gesehen. Bleib dicht hinter mir, dann wird dir nichts passieren.«

Er streckte seinen rechten Arm aus und beschrieb mit seiner Handfläche einen großen Kreis in die Luft, gerade so, als wolle er etwas abtasten. Eine durchsichtige, bläulich schirmende ovale Fläche entstand vor ihnen. So wie sie sich bewegten, schwebte sie vor ihnen her. »Ein Schutzschild«, erklärte Theo. »Es wird uns vor der Strahlung bewahren.«

Miriam hatte schon eine Frage auf den Lippen doch Theo schien ihre Gedanken zu erraten. Er riss sich sein Hemd vom Leib.

Jetzt sah sie seinen athletischen Oberkörper um dessen Bauchgegend sich, einem breiten Gürtel ähnlich, Wurzelgebilde wanden. Das Geflecht schimmerte rotgolden und verdichtete sich zum Nabel hin, wo es in einen faustgroßen rubinfarbenen leuchtenden Stein verwuchs.

»Ich besitze Laurins Gürtel, er gibt mir die Macht.« Er sah Miriam ernst an. »Deswegen bin ich hier. Der Stein hat hier in der Höhle wieder neue Kraft bekommen. Doch das ist nicht von Dauer. Er muss durch einen Neuen ersetzt werden. Dann erst hat der Gürtel wieder seine volle Kraft. Praktisch wie eine Batterie.« Wie zum Beweis begann der Rubin auf Theos Gürtel zu flackern, welches sich sofort auf das Schutzschild übertrug.

Sie hatte weitere Fragen doch Theo wandt sich ab. »Die Zeit drängt. Ich muss deinen wahnsinnigen Freund von der Säule wegholen.«

Miriam wollte Theo klarmachen, dass Tom nur ihr Geschäftspartner ist, doch sie kam nicht dazu. Mit schnellen Schritten, denen sie kaum mithalten konnte, stürmte Theo in die Höhle und auf Tom zu.

Tom sah sie kommen und verharrte in seinem Veitstanz. Grinsend schüttelte er seinen Kopf und richtete die Pistole auf sie. »Nicht mit Tom!«, rief er und drückte ab.

Das Geschoss prallte auf den Schutzschirm ab und landete irgendwo im Fels. Der Schirm flackerte nachhaltig und erlosch. Theo zögerte nicht und seine Hand kreiste erneut, um den Schutzschild wieder herzustellen. Wieder und wieder drückte Tom ab und Theo ließ unentwegt seine Hände kreisen. Dann war das Magazin leer.

Enttäuscht schaute sich Tom die Pistole an und ließ sie schließlich grinsend fallen. »Ihr kriegt meinen Schatz nicht!«, keifte er. Abrupt wandt er sich um und griff in die Lichtsäule hinein. Triumphierend hielt er einen Rubin in seinen Händen.

Toms Lachen erstarb, bevor es über seine Lippen kam. Ein Zittern durchzog seinen Körper, wurde stärker und stärker. Schließlich wurde er so durchgerüttelt, dass man seine Konturen nur noch verschwommen sah. Schlagartig, so wie es begonnen hatte, hörte es auf und Tom erstarrte mit dem Rubin in seiner Hand. Er war auf seltsame Weise mumifiziert. Sein wahnsinniges Grinsen hielt sich noch für den Bruchteil von Sekunden, dann klappte er zusammen und zerfiel zu einem Häufchen Asche, auf dem zuoberst der Rubin friedlich leuchtete.

Geschockt starrte Miriam auf den Stein. Nach geraumer Zeit begriff sie erst, was mit Tom geschehen war. Langsam nahm sie wieder ihre Umgebung war und sah Theo leise stöhnend am Boden knien. Er ist von Toms Schüssen getroffen worden, war ihr erster Gedanke. Doch bald erkannte sie, dass weit mehr geschehen sein musste.

Theo war um viele Jahre gealtert. Er sah jetzt älter aus als zu Beginn der Höhlentour. Kraftlos hing er am Boden und sah sie mit faltigem Gesicht und hilflosem Blick an. »Dein Freund hat die Lichtsäule zerstört«, keuchte er leise. »… den Stein, hol mir den Stein, bevor es zu spät ist.«

Miriam sah zur Höhlenmitte und begriff, was Theo meinte. Die leuchtende Säule mit den schwebenden Rubinen war verschwunden. Tom hatte sie wahrscheinlich durch seinen Eingriff zerstört und damit den Energiefluss zu Laurins Gürtel, der Theo am Leben hielt, unterbrochen. Geblieben war nur noch der Rubin auf Toms Asche, der still vor sich hinleuchtete. Der Gedanke ihn holen zu müssen und in die Nähe von Toms Überresten zu kommen, schaffte ihr Unbehagen. Doch mit jeder Minute ging es Theo sichtlich schlechter.

Sie nahm allen Mut zusammen und schritt langsam auf den Stein zu.

Da warf sie eine Erschütterung zu Boden. Die Höhle bebte. Die Wände verformten sich und schienen näher zu kommen. Hier und da flammten bläuliche Lichter auf und so, wie sie erloschen verschwanden an dieser Stelle die seltsamen Spiegel. Immer weniger wurden es und immer näher schoben sich ihr die Höhlenwände entgegen. Erschrocken sah Miriam zu Theo. Er hatte die Veränderung ebenfalls bemerkt und drängte sie mit schwach winkenden Händen zur Eile. Wieder wollte sie aufstehen und den Stein holen, doch ein erneutes Beben warf sie abermals zu Boden. Die Höhle wurde von starken Erschütterungen erfasst. Wieder und wieder wurde sie zu Boden geworfen und kam nur langsam voran. Mit Grausen erblickte sie die blauen Flammen, in die die Spiegel zerfielen und den Raum immer enger werden ließen. Kriechend erreichte sie schließlich den Stein und sah angewidert auf die verbrannten Knochenreste von Tom. Mit spitzen Fingern, um möglichst keinen Kontakt damit zu bekommen, fasste sie zu.

Wieder erschütterte ein Beben die Höhle und ihre Hand tauchte unwillkürlich in den Knochenberg. Ein Schrei entlud sich ihrem Mund, als sie statt des Steines Toms Schädel in der Hand hielt. Angewidert schleuderte sie ihn davon. Der Rubin war zwischen die Knochen gerutscht. Widerwillig, mit einem würgenden Gefühl im Hals, wühlte sie diese auseinander und hielt das Kleinod schließlich in der Hand. Sie erwartete elektrische Schläge oder ähnliches, aber nichts dergleichen geschah. Erleichtert schaute sie zu Theo, in dessen faltigen Mundwinkeln sie ein Lachen wahrnahm.

Ja, ja, lach nur alter Mann, dachte sie. So etwas tu ich nie wieder. Ihre Gedanken wurden von einer neuen Bebenswelle unterbrochen. Schleunigst kroch sie zurück und drückte Theo den Stein in die Hand.

Schon die Nähe zum Gürtel schien ihm wieder Kraft zu geben. Mit sicheren Händen führte er ihn an die Stelle, wo der alte Stein erloschen war. Ein glutroter Strom ergoss sich über die feinen goldenen Adern des Gebildes an Theos Körper und der Stein verschmolz an seinem neuen Ort.

Theo ging es zusehends besser. Die faltige Haut straffte sich. Muskeln bildeten sich, und das schlohweiße Haar wallte wieder in blonder Fülle. Er atmete tief und geräuschvoll durch und erhob sich mit den kraftvollen Bewegungen eines durchtrainierten Sportlers. Fast einen Kopf größer als Miriam stand er vor ihr und sah sie lachend mit seinen stahlblauen Augen an.

»Du hast mir das Leben gerettet, kleines tapferes Mädchen.« Er fasste sie in die Taille, hob sie hoch und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Miriam war völlig überrascht. Als er sie wieder auf den Boden stellte, brachte sie vorerst kein Wort heraus. Theo hatte im Moment auch keine Zeit für Erklärungen. Mit finsterer Miene besah er sich den Zustand der Höhle. Die Beben hatten nachgelassen, doch die Wände verschoben sich unaufhörlich. Wieder ließ er seine Hände kreisen und grelle weiße Strahlen schossen auf die kristallinen Wände. Viele Minuten verbrachte er so und schickte dabei die Strahlen in alle Richtungen. Anfangs sah es aus, als würde dies zu einem Ergebnis führen und die Wände stoppen. Doch der Aufschub währte nur kurz und wieder setzte das Beben ein und alles begann von vorn. Wieder flammten die Lichter auf, Spiegel verbrannten und die Höhle wurde immer enger. Längst waren der Eingang und die Aussicht auf eine Flucht verschwunden.

»Werden wir sterben?« Angstvoll sah Miriam an dem blonden Hünen hinauf.

Theo antwortete nicht. Dafür ließ er seine Hände wilder kreisen, um dabei mehr Kraft in sie zu legen. Nach vielen, fast endlosen Minuten, senkte er sie und setzte sich auf einen Felsbrocken. Zerknirscht sah er zu Miriam.

»Es ist schlimmer als ich erwartet hatte«, stöhnte er. »Die Höhle wird sich endgültig schließen.« Er deutete Miriam, sich zu ihm zu setzen. Mit angstvollen Augen ließ sie sich auf den kalten Stein nieder. Sein Arm legte sich um ihre Schulter und drückte sie sacht an sich. »Keine Angst kleine tapfere Miriam. Für alles gibt es eine Lösung.« Er deutete auf seinen Gürtel. »Einst gehörte er König Laurin. Im ehrenvollen Kampf habe ich ihn erworben und lange Zeit getragen, fast eine Ewigkeit. Nun sollst du ihn haben und er wird dich in die Freiheit bringen.«

Seine Finger hantierten auf dem Wurzelgeflecht. Die Adern begannen zu schrumpfen und wanden sich wie goldene Schlangen aus seinem Körper. Schließlich hielt er den Rubin, an dem nur noch dünne Fäden hingen, in seiner Hand. Bevor sich Miriam versah, hatte er ihren Pulli hochgezogen und den Stein auf ihren Nabel gepresst. Ein wohliger warmer Schmerz durchzog sie. Als sich der Gürtel um sie schloss und sein Geflecht in ihr Bauchfleisch drang, stürzte sie in eine Flut von fremden Gedanken, Erkenntnissen und Gefühlen.

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Als Miriam ihre Umgebung wieder wahrnahm, lag ein alter Mann schwer atmend neben ihr.

»Theo!«, rief sie entsetzt. »Was hast du getan?«

Er winkte abwehrend und seine Stimme war vor Schwäche kaum zu hören. »Geh’ endlich. Die Zeit drängt. Steige in einen der Spiegel und stelle dir den Ort vor, wohin du gern möchtest. Dann wirst du die Freiheit erlangen.« Seine Worte gingen in einem Hüsteln unter. Miriam sah mit Tränen, wie Theo immer schwächer wurde.

»Was wird aus dir, Theoderich? Der bist du doch?«

Auf seinen Lippen bildete sich ein Lächeln. »Ja der bin ich, und wenn Gott es gewollt hätte, wäre ich dir gern etwas früher begegnet, tapfere Miriam. Doch nun geh’ endlich und gib Acht im Umgang mit dem Gürtel. Seine Macht ist groß.«

Erneute Beben erinnerten Miriam an die Gefahr, die ihr drohte. Schnell gelangte sie an einen der Spiegel und als sie hineinstieg, warf sie noch einen letzten Blick zurück – auf den sterbenden Theoderich, den man auch Dietrich von Bern nannte – König über das Lampardenreich.