Das Nibelungenherz

Mut und List

»Bei Odin«, stöhnte Haakon, »das sind die Gebeine unserer toten Kameraden. Der Dämon hat sie zu seiner Kreatur gemacht. Schießt was ihr könnt, sonst sind wir des Todes.«

Ohne es sich zweimal sagen zu lassen, traten die Soldaten an die Ballisten und bald flogen feurige Geschosse auf die Bestie zu. Das sahen auch die Krieger an den anderen Gängen und glaubten, ihren König unterstützen zu müssen. Entgegen aller Absprache, begannen auch sie wieder zu schießen. Pfeile, Lanzen, riesige Speere und Feuerkugeln flogen durch die Luft. Die Waffen jedoch prallten an der Panzerung ab, einzig das Feuer richtete Schaden an. Mit einem Mal kam der grauenvolle Koloss, vom Feuer eingehüllt ins Wanken, stürzte und brach auseinander. Jubel war auf allen Seiten zu hören.

Doch der Jubel währte nicht lange, denn was da aus den brennenden Resten sprang war der Dämon selbst. Ein kleines graues Wesen, halb so groß wie ein Mensch, mit nach hinten geknickten stelzenartigen Beinen und einem Echsenhaften ovalem Kopf. Die schwarzen mandelförmigen Augen funkelten böse zu den Menschen herüber. Es riss seinen Rachen auf in dem spitze Zähne steckten und ließ einen Schrei erklingen das den Kriegern der Atem stockte.

Haakon ahnte nichts gutes, denn der Plan mit der Ablenkung hatte nicht geglückt. Da sprang der Dämon auch schon wild hin und her und ließ seine Blitze zucken. Die Krieger an den Nebengängen, die zu weit vorn standen und nicht rechtzeitig Schutz finden konnten wurden als erste getroffen. Ihre Rüstungen glühten auf und dann standen sie lichterloh in Flammen und ihre Schreie hallten weithin und es war grausam zu sehen wie sie als menschliche Fackeln hin und her taumelten bis sie dahin sanken und der Tod sie erlöste. Der Dämon sprang unentwegt weiter hin und her und brachte den Tod unter des Königs Mannen. Panik brach aus und jeder suchte sein Heil in der Flucht, hinein in die engen Gänge und so weit weg wie möglich. Doch auch hier trafen die Blitze und mancher sank in den Staub, zerrissen zerfetzt und verbrannt.

»Feuert auf die Bestie«, schrie Haakon seinen entmutigten Kriegern zu und sprang selbst mit seinem Bogen vor. Nun flogen Brandpfeile und Feuerkugeln auf das Untier zu, das von diesem plötzlichen Angriff in seiner tödlichen Wüterei innehielt. Die Pfeile und feurigen Ballen prallten kurz vor dem Dämon ab, wie von einer unsichtbaren Wand. Die Kreatur knickte in seinen Beinen ein und seine Augen suchten den neuen Gegner. Dann sprang sie auf den Hauptgang zu, dahin wo der König mit seinen Kriegern wartete um doch noch die List auszuführen.

Sie warteten aber nicht lange und rannten was ihre Beine hergaben zurück in den Gang hinein. Hinter sich hörten sie die Schreckensschreie des Untieres Blitze zuckten und trafen so manchen der zu langsam war. Haakon hatte bereits die Halle erreicht in der die Glocke hing. Hinter ihm kam Isigard angestürmt und noch zwei weitere Ritter. Der König war schon am Seil und wollte sein Schwert ziehen, doch er hatte es auf der wilden Flucht verloren. Isigard sah das und warf ihm schnell seines zu. Ein Blitz schoss in die Halle und einer der Ritter sank qualvoll schreiend und brennend auf den Boden. Da stand auch schon die Bestie vor ihnen und wiegte sich auf seinen Stelzen hin und her, wenige Fuß von der Bodenplatte entfernt. Die Helden erwarteten jeden Moment den Tod, doch die Kreatur siegessicher in ihrer Macht beäugte sie mit bösartig funkelnden Augen. Der Dämon war völlig unbekleidet und hatte eine schuppige graue Haut. Um seinen Leib wand sich ein goldenes Geflecht wie ein Gürtel in dessen Mitte ein roter Kristall funkelte. Wieder ließ er einen grässlichen Schrei durch die Höhle hallen und es hob eine Krallenhand, auf der sich eine leuchtende Kugel bildete. Der König und seine Mannen starrten entsetzt darauf. Jeden Moment konnte ein Blitz auf sie hernieder fahren und dann...

In diesen Augenblick stürmte aus einem Nebengang ein kleiner Mann hervor. Nur Bewaffnet mit einem hölzernen Schild sprang er den Dämon von hinten an und schlug mit dem Schild wild auf ihn ein. Die Bestie war so überrascht das das Glühen in seiner Hand erlosch und es, ins taumeln geraten, auf die Bodenplatte stürzte.

Haakon zögerte nicht lange. Das Schwert in seiner Hand pfiff fauchend durch die Luft und zerschnitt das Seil der Glocke. Von nichts mehr gehalten sauste das schwere eiserne Gefängnis herab schlug laut krachend auf sein Ziel auf. Die stählernen Klammern rasteten ein und verschlossen die Glocke. Der Dämon war gefangen.

Aufatmend sahen sich alle um. Vom Innern des Gefängnisses waren dumpfe Schläge zu hören, doch die machten ihnen keine Angst mehr. Haakon schritt zu dem kleinen mutigen Mann der vor ihnen im Staub lag. Er lebte und hatte selber nur den Halt verloren. Der König half ihn auf und erkannte ihn, es war Meister Flóki. »Die mutigsten Männer findet man immer da, wo man sie am wenigsten vermutet«, rief der König erfreut. Er umarmte den kleinen Mann erneut. »Mit deinem Mut hast du uns das Leben gerettet. Du hast dein Lehen wahrlich verdient und ich will dich als Freund an meiner Seite haben, knie nun nieder Meister Flóki.« Flóki tat wie ihm geheißen und kniete vor seinem König nieder. Haakon nahm sein Schwert und berührte die Schultern seines Untertanen. »Hier kniest du als Meister deiner Gilde«, sprach er. »Erhebt euch nun als Ritter Flóki«. Und als Ritter Flóki sich mit leuchtenden Augen erhob kamen aus den Seitengängen die überlebenden Krieger des Feldzuges, viele waren verletzt und das Grauen stand ihnen im Gesicht doch ein jeder verneigte sich voller Hochachtung vor den kleinen Mann.