Treffliche Geschichten ...

Albert und Pluto

 Marlies Munter

Das neue Jahr war erst wenige Tage alt. Gundula klingelte an der Tür ihrer befreundeten Wohnungsnachbarin Wanda. Beide sind um die 80 Jahre alt und immer noch geistig und körperlich fit. Sie hatten die Feiertage jeweils bei ihren Kindern und Enkeln verbracht. Nun war es höchste Zeit, sich wieder einmal zum Kaffeeklatsch zu treffen. Wanda öffnete.

Freudige Begrüßung und: »Komm ins Wohnzimmer und lass dich überraschen!«

Neugierig trat Gundula ein. Im Sessel saß reglos ein etwas merkwürdig aussehender Mann, der keine Miene verzog und nur in eine Richtung starrte. Sie ging auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte freundlich: »Guten Tag, ich bin Gundula.« Keine Reaktion.

Irritiert stammelte sie: ,,Ach, du hast bereits Besuch.« Wanda amüsierte sich köstlich, als sie die verblüffte Freundin beobachtete und antwortete betont höflich: »Darf ich vorstellen: Das ist Albert. Er soll mich beschützen!«

Gundula guckte wie die Gans wenn es donnert, trat ganz

nah an ihre Freundin heran und flüsterte verwundert hinter vorgehaltener Hand: »Ja, aber wie soll er das denn machen, er bewegt sich doch überhaupt nicht? Du willst mich ganz gehörig auf den Arm nehmen!«

»Nein, nein, so ist das nicht. Zuerst war ich auch ziemlich erstaunt, als mein Enkelsohn ihn mir zu Weihnachten präsentierte. Stell dir vor, er hat ihn extra für mich über das Internet ersteigert. Inzwischen ist er mir schon ans Herz gewachsen«, versicherte Wanda. »Findest du nicht auch, dass er wie Einstein aussieht? Deshalb nenne ich ihn auch Albert.«

Gundula fühlt sich immer noch verschaukelt und zischte spöttisch in Wandas Ohr: »Wenn er besser frisiert wäre, könnte er auch Johann Wolfgang heißen. Ein bisschen Ähnlichkeit hat er auch mit Goethe.«

Albert verharrte währenddessen weiterhin stumm und regungslos.

Wanda bat die Freundin, die den eigenartigen Mann immer noch skeptisch beäugte, doch endlich Platz zu nehmen. Sie erzählte nun, dass sich ihre Kinder Sorgen machten, weil immer häufiger Diebe und Betrüger ältere allein stehende Frauen aufsuchten. Um dem vorzubeugen, solle sie Albert öfter mal am Fenster sitzen lassen oder bei schönem Wetter auf dem Balkon platzieren. Falls sie doch mal Fremden die Wohnungstür öffnete, müsste er immer im Hintergrund zu sehen sein, um die Anwesenheit einer weiteren Person anzuzeigen. Dann nahm sie eine Fernbedienung, drückte ein paar Knöpfe und siehe da, Albert bewegte sich doch. Nur mit dem Sprechen haperte es noch. Gundula hatte sich inzwischen wieder beruhigt und sagte lachend: »Weißt du, dass meine Kinder genau so dachten und mir deshalb Pluto schenkten.?«

»Hast du jetzt einen Hund?«, fragte Wanda verwundert. »Nein, nur eine Kassette mit Hundegebell. Falls schlechte Menschen mit bösen Absichten in meine Wohnung wollen, soll ich sie durch Plutos wütendes Bellen vertreiben.«

Gutgelaunt verbrachten die Frauen mit dem stummen Albert einige Stunden bei Kaffee und Gebäck. Zwischendurch tranken sie auch ein paar Likörchen auf sein Wohl.

Nun war es an der Zeit für Gundula zu gehen. Wanda begleitete sie bis ins Treppenhaus. Bei einem Blick durchs Flurfenster sah sie Frau Drahtbein vor der Haustür stehen, die dafür bekannt war, dass sie mit Vorliebe ihre Nase in die Angelegenheiten anderer Leute steckte.

Übermütig schlug sie vor: »Wollen wir einfach mal an dieser Nachbarin die Wirksamkeit unserer Weihnachtsgeschenke auszuprobieren?«

Gundula fand die Idee großartig. Kichernd besprachen sie die Vorgehensweise. Unten wurde schon die Haustür geöffnet. Die Frauen beeilten sich, jeweils in ihren eigenen Wohnungen zu verschwinden. Nur Gundula ließ ihre Wohnungstür einen schmalen Spalt offen.

Frau Drahtbein bemerkte sofort, dass die Tür nur angelehnt war, was eine unbändige Neugier in ihr weckte. Es war auch niemand zu sehen. Hastig lief sie zu Wandas Tür und lauschte. Sie hörte Stimmen. Leider konnte sie nichts verstehen. Also schnell wieder zurück. Sie fühlte sich von dem Spalt magisch angezogen. Wie zufällig stieß sie mit der Schuhspitze die Tür weit auf. Vorsichtig schaute sie sich in alle Richtungen um und huschte bloß einfach mal so in die fremde Wohnung. Zuerst inspizierte sie die Küche und stellte entrüstet fest, dass der Abwasch noch nicht erledigt war. So etwas gab es bei ihr natürlich nicht. Danach wollte sie ins Wohnzimmer. Sie hatte schon die Klinke gedrückt, erschrak fast zu Tode als sie im

gleichen Moment aus dem Zimmer ein drohendes Knurren, das sogleich in ein wütendes Bellen überging, vernahm. Sie rannte schreiend hinaus und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen. Im selben Moment trat Wanda aus ihrer weit geöffneten Wohnungstür. Frau Drahtbein

hielt sich schlotternd vor Schreck am Treppengeländer fest. Als sie den fremden Mann, der im Hintergrund lässig am Schrank lehnte, erblickte und hörte wie Wanda ihn aufforderte, endlich mit Gundulas Pluto Gassi zu gehen, verlor sie vollends die Fassung. Wanda grüßte freundlich und fragte scheinheilig: »Frau Drahtbein, was ist mit Ihnen, Sie zittern ja am ganzen Körper?«

Die Angesprochene stammelte irgendetwas Unverständliches, schüttelte nur noch den Kopf, hastete die Treppe hoch, verschwand in ihrer Wohnung und wurde für den Rest des Tages nicht mehr gesehen.

 

Artgeist
Onedealoneday

 

 

 

 Efeu

Carola Lehmann

Der Urlaub war bisher ein Fiasko gewesen- was zu erwarten war, denn ein Urlaub taugt so wenig zum Aufwärmen einer erkalteten Liebe wie ein Tauchsieder zum Erwärmen kalter Füße. Beide sehnten sich nach dem Ende des Urlaubs und damit, uneingestanden, auch nach dem Ende ihrer Beziehung.

Doch bis dahin mussten sie sich noch durch eine frustrierende Woche schleppen, Kino, Schwimmen, alles schon versucht. Im Kino hatten beide bemüht Abstand in den Sitzen gehalten. Beim Schwimmen war sie sich plötzlich nackt vor ihm vorgekommen. Aber dazwischen noch quälend viel Zeit, die entgegen der Zeit in unbeschwerten Urlauben wie eine uralte Schnecke im Endstadium ihres Lebens dahin kroch. Also ein Ausflug, bei dem man nicht viel reden muss und der möglichst viel vom Tage verschlingt.

Das alte Herrenhaus, ein Sommerschloss mit angrenzendem Park, verhieß das alles. Der Park war menschenleer um die Mittagszeit. Unter den Bäumen hockte die Hitze und auf dem Teich rekelten sich dösende Enten. Sie betraten das alte Gebäude, in dem die botanische Ausstellung untergebracht war. In den Berg gehauen, hockte es wie ein Gnom neben dem Schloss. Es gab nur eine Sonderausstellung zu dieser Jahreszeit: Eine riesige Efeusammlung.

Durch eine Schwingtür gelangte man in das labyrinthartige Gebäude. Die Luft war warm und feucht und es roch so, wie die Erde nach einem Gewitter riecht.

Das Grün überwältigte sie. Die immergrünen Kletterpflanzen hatten von dem Gewölbe Besitz ergriffen.

In unzähligen Töpfen, Kübeln und Schalen, ja selbst in Wannen und Bottichen, wuchs hedera. Neben filigranen Petersiliesorten gab es Riesenefeu, dessen Blätter Handteller groß waren. Waldefeu verwob seine Ranken mit Hufeisenförmigen Pflanzen.

Es war still bis auf das Tropfen des Wassers, das von einer Wand aus groben Natursteinen rann. Je weiter sie vordrangen, desto unwirklicher erschien ihnen der Ort, kein Geräusch von der Straße drang durch die dicken Mauern hierher, Utop, dachte sie, der Nichtort.

Die Ranken kitzelten sie beim Durchwandern der Räume und in einem Gewölbe hatte hedera helix die Wände bis zur Decke berankt, so dass der Stein nicht mehr zu erkennen war. Sie meinte fast, das Wachsen der Pflanzen zu hören. Die feuchtwarme Luft ermüdete sie und sie setzte sich auf eine gemauerte Bank um auszuruhen.

Erst jetzt merkte sie, dass sie allein war. Auch am Ausgang fand sie ihn nicht und hier stellte sie außerdem erstaunt fest, dass es schon dämmerte.

Die Aufsicht wartete schon ungeduldig, obwohl die Öffnungszeit im Sommer länger war, war sie längst überschritten. Einen einzelnen Mann hatte sie nicht herauskommen sehen, es waren aber auch noch Gruppen von Touristen da gewesen und so war er wohl mit denen herausgegangen.

Sie war hungrig und fuhr zurück ins Hotel. Als er dort aber auch am späten Abend nicht auftauchte, begann sie sich Sorgen zu machen. Immerhin hatte er auch seinen Koffer hier gelassen.

Die Nachforschungen der Polizei verliefen im Sande. Das Gewölbe hatte nur einen Ausgang, verunglücken konnte man nirgends.

Die Biologen der Universität, die immer wieder Pflanzen zu Forschungszwecken entnahmen, fragte man nicht.

Sie hatten eine bisher unbekannte Form von Hedera entdeckt, deren Vorkommen in der Ausstellung sich niemand erklären konnte.