Wolfsmond

Der Hexenmacher

Der kleine Laden war in düsteres gelbes Licht gehüllt. Trotz des alten Krempels der überall herumstand, wirkte er aufgeräumt. Hier und da war eine kleine Lampe angebracht, die die Aufmerksamkeit auf einen barocken Sessel oder eine alte Truhe richten sollte. Von der Decke hingen, von schier unzähligen Fäden gehalten, die eigentliche Attraktion des Ladens: Hexenpuppen in allen möglichen Variationen und aus den verschiedensten Materialien gefertigt.

Der Raum war von einem kleinen Verkaufstresen abgetrennt, der nicht weniger rustikal gefertigt war. Eine riesige, reich verzierte, mechanische Kasse mit Emailleziffern und Kurbel thronte darauf. Jeden Moment glaubte man ihr Klingeln zu hören und die Schublade mit dem Geld würde sich mit einem letzten Ping öffnen.

Der Mann, ein freundlich wirkender alter Herr mit grauem Vollbart und Nickelbrille, der diese Kasse normalerweise bediente, lehnte entspannt hinterm Tresen. Er war in Fotografien vertieft, die ihm eine adrett gekleidete, junge brünette Dame hinhielt. Eine pinkfarbene Brille, mit getönten Gläsern, zierte ihr schmales hübsches Gesicht.

Der Mann studierte die Fotos eindringlich. Ab und zu schob er seine Brille zurecht, so, als ob er dadurch die Details genauer ins Blickfeld bekam. Sein Gesicht wirkte aufmerksam und manchmal schien ein kleines Lächeln über die dünnen Lippen zu ziehen.

Schließlich gab er ihr die Bilder zurück, nahm seine Brille ab und begann diese bedächtig mit seinem Taschentuch zu putzen. Dabei ging sein Blick zur Decke, als wolle er einen verflogenen Gedanken einfangen.

»So, so. Sie ermitteln also im Fall dieser verschwundenen Frauen.« Behutsam setzte er die Brille wieder auf.

»Und ihre Ermittlungen haben sie in meinen Laden geführt.« Er schaute der Frau in die Augen. »Zu Recht meine Dame«, seine Stimme hatte einen dunklen warmen Ton, »all diese reizenden Frauen waren hier. Ich will ihnen etwas zeigen.« Seine rechte Hand fuhr unter den Tresen und begann in einer Schublade zu wühlen.

Die Dame im adretten Kostüm mit pinkfarbener Brille wurde unruhig und die Finger ihrer linken Hand begannen an der kleinen Handtasche zu nesteln, die über ihrer Schulter hing. Noch bevor sie deren Inhalt erreichen konnte, packte der alte Mann ein Bündel Zeichenpapier auf den Ladentisch.

»Ich glaube noch ein paar Skizzen von ihnen zu haben, die ich für ihre Porträts benötigte.«

Ohne aufzusehen begann er zu blättern. Die Hand der Dame ließ von der Handtasche ab. Sichtlich entspannter trat sie näher, um sich die Vielzahl gekonnt gezeichneter Frauengesichter anzusehen.

»Die alle haben sie gezeichnet?« Anerkennung lag in ihrer Stimme.

Der alte Mann blickte auf und trat um den Tresen herum auf sie zu.

»Ja sicher meine Gute. Es ist unerlässlich für meine Arbeit.« Er legte seine rechte Hand auf ihre Schulter und deutete mit der Linken zur Decke seines Ladens, zu den Hexen, die an seidenen Fäden herabhingen.

»Heutzutage«, sagte er fast im bedauernden Ton, »mag kein Mensch mehr diese alten knorrigen Hexen mit verschrumpelten Gesichtern. Die Leute wollen moderne Hexen und ich fertige sie in meiner Werkstatt an. Dazu benötige ich die Skizzen.«

»Und die Frauen meldeten sich freiwillig bei Ihnen?« In ihrer Stimme lag ein forschender Ton.

»Selbstverständlich! Schließlich profitieren wir alle davon. Sie haben ein schönes Porträt das, wie ich zugeben muß, von mir etwas verschönert wurde um ihrer Eitelkeit genüge zu tun. Die Damen waren regelrecht entzückt von meiner Arbeit, wenn auch die Eine oder Andere seltsame Marotten aufwies. Dafür habe ich aber wieder neue Motive für meine Hexen.«

Sie löste sich von dem alten Mann, um die Puppen genauer in Augenschein zu nehmen.

Sie waren mit viel Akribie hergestellt worden, die Gesichter feinfühlig bearbeitet und die Details sorgfältig herausgestellt. An den feingliedrigen Händen, die einen Besen oder manchmal auch nur einen Stock hielten, konnte man deutlich Fingernägel und teilweise Handlinien erkennen. Ihre Kleidung war stets ein moderner Schnitt und der Stoff von hauchdünner Feinheit. Die Nähte schienen unterm Mikroskop geschaffen zu sein.

Die Dame schob ihre pinkfarbene Brille hoch, um ein Modell genauer betrachten zu können.

»Ist diese da nicht eine von den Vermissten? Ich glaube es gibt gewisse Ähnlichkeiten. Warum sieht sie so erschrocken und entstellt aus«“ Schauder lag in ihrer Stimme.

»Das ist leicht möglich,« wand der Alte ein. »Manchmal nehme ich mir die Freiheit und modelliere sie etwas ins Karikative. Sie wissen ja, die  künstlerische Freiheit - ihre Wege sind unergründlich.« Dabei sah er zu den Hexen und kurzzeitig verzog sich sein Gesicht zu einem teuflischen Grinsen.

Die adrette Dame schob ihre Brille wieder zurecht und wand sich zu ihm um. Ihre Blicke trafen sich. Sein gutmütiges Gesicht, umrahmt vom grauen Vollbart und gekonnt abgestimmter Nickelbrille, schuf in ihr ein Gefühl von Vertrautheit. Eine Art Opa - Enkelin Gefühl. Ihr unterbewusstes Misstrauen wich.

»Ich würde zwar keine ihrer Hexen kaufen, aber ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt. Was für ein Material verwenden sie?«

Er winkte mit den Händen abwehrend. Ein geheimnisvolles Lächeln legte sich um seinen Mund.

»Das ist ein kleines Betriebsgeheimnis meine Dame, ein eigens von mir entwickeltes Plastilin.

Aber wenn sie es wünschen, kann ich es ihnen in meiner Werkstatt gut und gerne zeigen.«

»Ich wünsche es«, antwortete sie spontan.

"Wenn sie mir dann bitte folgen würden." Er machte eine einladende Geste.

In der linken Hand ihre Handtasche haltend, in der, der kleine Dienstrevolver ruhte, betrat sie seine Werkstatt. Mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen und seltsam verklärtem Gesicht zog, er die Tür zu.

Das Licht im Laden wurde noch fahler. Ein leiser säuselnder Ton durchzog den Raum - fast ein Stöhnen. Von irgendwoher kam Wind auf, und die Hexen begannen sich in ihm zu wiegen. Ein unsichtbarer Puppenspieler zog an ihren Fäden und sie tanzten auf und nieder. Entsetzen stand in ihren Gesichtern. Hilflos hingen sie in ihren Seilen, Hände und Füße mit kalten Nadeln an tote Stöcke gepinnt. Ein Raunen und Seufzen, Kichern und Schluchzen  wanderte von Hexe zu Hexe, schwebte herab zu den Truhen und Schränken, zog knisternd über die Fußbodendielen um sich erneut heraufzuschwingen – zu den wild tanzenden Puppen an ihren Fäden.

Silbriges Licht drang zwischen den Türschlitzen zur Werkstatt heraus.

Unerklärliche Töne voller Ohnmacht, stoben in den Laden.

Dann kehrte wieder Ruhe ein.

Mit leichtem Schmunzeln auf den dünnen Lippen, öffnete der alte Mann seine Werkstattür.

In den Händen hielt er, an seidenen Fäden, eine kleine Hexe. Mit gewohnter Sicherheit bewegte er die Kurbel seiner alten Kasse. Es klingelte in den verschiedensten Tönen, bevor die Lade mit einem letzten Ping heraussprang.

Schnell fand er darin eine Pinnadel, mit der er sein neuestes Modell an die Decke, zu den anderen Hexen, heftete.

Genussvoll betrachtete er sein Werk. Sie sah besonders gut aus in ihrem adretten Kostüm mit der pinkfarbenen Brille auf einer überlangen spitzen Nase.

»Etwas künstlerische Freiheit muss schon sein«, sagte er zu sich und schloss die Tür zu seinem Laden.